Conference Contribution Details
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Annette Volfing, Mary Boyle
Anglo-German Colloquium
Imaginatio, Anachronismus und Heilsgeschichte
Manchester
Oral Presentation
2017
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06-SEP-17
10-SEP-17
Welche Rolle spielen Anachronismen bei der Narrativierung der Heilsgeschichte? In diesem Vortrag werden Beispiele aus den geistlichen Spielen, Predigten und mystischen Offenbarungen als Vergleichsmaterial für die Bibelepik herangezogen. Das Mittelalter wird von einem paradoxen Zugang zur Geburt und Passion Christi geprägt. Einerseits gelten diese als historisch “off-one”, d.h als einzigartige Ereignisse, die den Christen Mittelalters lebenden Christen grundsätzlich unzugänglich sind, andererseits wird die Linearität dieses Zugangs mehrfach unterminiert – nicht nur durch den Zyklus der Liturgie, sondern auch durch die Annahme, die Zeitlichkeit sei in der Ewigkeit enthalten und werde nach dem Jüngsten Gericht ihre Relevanz verlieren. Hildegarde Keller defininert dies wie folgt: Die mittelalterliche Kultur gestaltet diese doppelte Zeitstruktur gerade bei christologischen Motiven in ihrer vollen Komplexität aus. Der Christ lebt in einer Spannung zwischen einem ‘Schon’ und einem ‘Noch-Nicht’, was eine Art “Zeitstreß” impliziert. Diese Spannung zeigt sich in mehreren Gattungen der geistlichen Literaur. Das geistliche Spiel ist unverholen anachronistisch. Im Innsbrucker Osterspiel findet die Auferstehung gleichzeitig mit dem päpstlichen Schisma statt, und im Weihnachtsspiel von Benediktbeuern beschreibt Augustinus die Geburt Christi als ein Ereignis, worauf die Christen warten (und die Juden warten sollten), obwohl es eigentlich schon stattgefunden hat. Reisen durch die Zeit kommen finden öfters in der Offenbarungsliteratur statt. Die Offenbarungen Christine Ebners beginnen damit, dass sie zum Ostern im raptus nach Jerusalem gebracht wird, wo sie die drei Marien unterwegs zum Grab sieht – und sich ihnen alz ir eine anschließt. Hildegarde Keller behauptet, die religiöse visio biete “eine Art Guckloch in eine andere Zeitperspektive” an; Christines aktive Teilnahme an den Ereignissen geht aber weit über das reine Beobachten der Vergangenheit hinaus. In ihrer zweiten ‘Reise’ nach Jerusalem entwickeln sich die Episoden, an denen sie teilnimmt, auf eine Weise, die sich deutlich vom Handlungsverlauf in den Evangelien unterscheidet. Beim Einsatz der Vorstellungskraft kommt man fast so weit wie im eigentlichen raptus. Tauler z.B. fordert seine Zuhörer auf, nach Jerusalem zu ‘reisen’, um das Leiden Christi zu bezeugen. Diese Art anachronistischer Phantasien wird auch bildlich reflektiert: z.B. zeigt eine Initiale aus aus einem Antiphor (Düsseldorf, Universitätsbibliothek D 9, fol. 256r) wie eine Dominikanerin der Hebamme bei der Geburt des Evangelisten Johannes zur Hande geht. Der angebotene Vortrag stellt die Frage, wieweit auch die Bibelepik sich ähnlicher Strategien bedient, um das Interesse und die affektive Teilnahme des Publikums zu fördern – z.B. fordert der Erzähler in Der saelden hort plötzlich das Publikum auf, nach Bethlehm zu reisen, um mit dem Christkind zu spielen, es zu küssen, und ihm Wiegenlieder zu singen. Es wird auch untersucht werden, inwiefern die Bibelepik die implizite Annahme anderer Gattungen teilt, derzufolge die Ereignisse der Heilsgeschichte nicht nur undendlich wiederholbar, sondern auch zum Teil veränderlich sind.